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Wechselvolle Geschichte - Höhepunkte op der Stroß Vom ersten Rosenmontagszug 1823 bis heute hat sich einiges geändert – So manche Tradition ist entstanden und wieder verschwunden, vieles ist geblieben

9.02.2021

Jahr für Jahr ist es das Ereignis im Kalender der Stadt Köln: der Rosenmontagszug. Tausende Besucher strömen in die Domstadt, um den närrischen Lindwurm zu bejubeln sowie Kamelle und Strüüßcher zu fangen. Auch zu Hause am Bildschirm sind viele Interessierte hautnah dabei, wenn die Fuß- und Tanzgruppen, die Spillmannszüge und Persiflagewagen von der Süd- bis in die Altstadt ziehen. Die Erfolgsgeschichte des größten deutschen Karnevalsumzuges begann vor fast 200 Jahren.

Am 10. Februar 1823 wurde der „Held Karneval“ von einer Leibgarde Stadtsoldaten, wegen ihrer roten Waffenröcke „Rote Funken“ genannt, feierlich zum Neumarkt geführt. Dort bestieg der Narrenfürst im weißen Gewand, Purpurmantel und mit goldener Krone seinen Thron. Mit dem öffentlichen Festzug lenkte das Bürgertum das jecke Treiben in geordnete Bahnen, ganz im Sinne der preußischen Machthaber, und bewahrte die Narren damit zugleich vor einem drohenden Verbot des Karnevals. Aus dem Helden wurde 1872 der Prinz Karneval. 1883 gesellten sich Bauer und Jungfrau dazu und bildeten fortan das „Kölner Dreigestirn“, das bis heute das närrische Volk regiert.

Um die Jahrhundertwende brachen die Rosenmontagszüge immer wieder neue Besucherrekorde. Mehr als 10.000 Menschen verfolgten etwa den närrischen Lindwurm am Neumarkt 1902. Neue Karnevalsgesellschaften gründeten sich, und die Stadt erkannte die Möglichkeit, das Ereignis für den Fremdenverkehr zu nutzen. Doch dem jecken Treiben setzte der Erste Weltkrieg 1914 ein jähes Ende. Die darauffolgende Besatzung bis 1926 und die Weltwirtschaftskrise 1929 führten dazu, dass Anfang des 20. Jahrhunderts viele Rosenmontagszüge ausfielen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde es für die Jecken nicht leichter. Die sogenannte „Narrenrevolte 1935“ konnte zunächst die organisatorische Gleichschaltung des Karnevals verhindern. Der Gründung des „Festausschuss Kölner Karneval“, dem die meisten Karnevalsgesellschaften angehörten, stimmten die Nationalsozialisten zu. Sie hatten eigentlich einen „Verein Kölner Karneval“ unter der Führung des NSDAP-Bürgermeisters Willi Ebel geplant. Diese Entwicklung hätte vermutlich wie anderenorts zur Vereinnahmung des Kölner Karnevals durch die Organisation „Kraft durch Freude“ geführt. Aber die „braune“ Diktatur ging alles andere als spurlos am Kölner Rosenmontagszug vorbei. Motivwagen mit antisemitischen Aussagen prägten den Zoch in den folgenden Jahren. Zudem wurden Männer in Frauenkleidern im Karneval nicht mehr geduldet: Die bis dahin männlichen Funkenmariechen wurden 1936 durch Frauen ersetzt, und 1938 und 1939 wurde die Kölner „Jungfrau“ von Damen verkörpert. Ab 1940 war mit den Rosenmontagszügen für die nächsten Jahre Schluss.

Erst 1949 zog in Köln wieder ein Zoch durch die noch stark vom Zweiten Weltkrieg zerstörte Stadt. Das Motto des ersten Nachkriegs-Dreigestirns: „Friede und Freude“. In den Wirtschaftswunderjahren der 1950er-Jahre, die vom neuen Medium Fernsehen geprägt wurden, erlangte der Kölner Rosenmontagszug immer mehr Popularität. 1953 übertrug ihn der Fernsehfunk erstmals live.


"Das Motto des ersten Dreigestirns nach dem Krieg war ‚Friede und Freude’"


In den folgenden Jahrzehnten stand der organisierte Karneval mehr und mehr in der Kritik. Der förmliche Gesellschaftskarneval passte nicht mehr zum Zeitgeist. Das „Monopol von Prunk und Strunz“ sollte aufgelöst, die kleinen Akteure im Karneval eine größere Bedeutung erfahren. Professionalisierung und Marktorientierung zuzulassen, ohne in puren Kommerz zu verfallen, ist bis heute eine der größten Gegenwartsaufgaben des Kölner Karnevals. Dem stellen sich Institutionen ebenso wie Ehrenamtler in den Vereinen. Aus der Prinzenproklamation wurde etwa die Proklamation des Dreigestirns. Auch die Emanzipation der Frau schritt voran. 2000 fuhr der erste Wagen mit rein weiblicher Besetzung im Rosenmontagszug mit. Als 1991 wegen des Golfkriegs bundesweit der Karneval abgesagt wurde, trafen sich Anti-Kriegsdemonstranten und Karnevalisten auf den Straßen Kölns. Der Gegenentwurf zum Rosenmontagszug, der „Geisterzug“, zieht seitdem alljährlich durch die Domstadt.

Seit 1823 hat sich also einiges verändert und der Zoch wird sich weiter wandeln. Doch was auch passiert, er ist und bleibt ein wichtiges Kulturgut Kölns. Mit ihm geht die Strahlkraft der Karnevalshochburg über die Stadtgrenzen hinaus in die Welt.
  

Daten & Fakten!

1823
Am 10. Februar 1823 fand der erste Rosenmontagszug statt

1871
Der Zug fiel anlässlich des Deutsch-Französischen Kriegs aus

1929
Die Wagen wurden zum ersten Mal zentral in den Kölner Messehallen gebaut

1935
Die Narrenrevolte verhinderte zunächst die Gleichschaltung des Kölner Karnevals

1949
Nach zehn Jahren Unterbrechung ging ein kleiner Zug durch die Domstadt

1953
Das Fernsehen berichtete zum ersten Mal mit bewegten Bildern vom Zug

1991
Anti-Kriegsdemonstranten und Karnevalisten zogen gemeinsam durch Köln

2000
Der erste Festwagen mit rein weiblicher Besatzung fuhr im Rosenmontagszug mit