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Mit der decke Trumm gingen Karnevalisten und Friedensaktivisten 1991 gemeinsam durch die Straßen von Köln

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Trotzdem Alaaf! Karneval in schweren Zeiten Wirtschaftliche Krisen, Kriege und Besatzungen, nun die Corona-Pandemie – Doch das Wesen des Karnevals gibt Hoffnung und setzt Energie frei

9.02.2021
NetCologne

Überall auf der Welt ist Karneval vor allem für den Frohsinn bekannt. Lachende, tanzende und singende Menschen in bunten Kostümen sind das beherrschende Bild auf den Straßen, in den Kneipen, in Festsälen sowie im Fernsehen. Damit verdient die hiesige Wirtschaft Jahr für Jahr viel Geld. Doch was wird aus dem Jecken Treiben in Krisenzeiten? Sitzen die Narren traurig zu Hause auf dem Sofa und verstummen gänzlich? Oder stecken vielleicht doch mehr als Fröhlichkeit und Unterhaltung dahinter?

Karneval gehört zu Köln wie der Dom oder der Rhein. Das Brauchtum ist fest verankert in der Seele der Stadt, gehört zur Identität und blickt auf eine lange Tradition zurück. Bereits in der Antike sollen ungefähr zur gleichen Zeit wie heute Feste gefeiert worden sein, bei denen sich die Menschen verkleideten und die Ordnung auf den Kopf gestellt wurde. Herrschende und Sklaven waren an diesen tollen Tagen nicht zu unterscheiden. Alle schienen gleich. Historisch nachweisbar ist die sogenannte „Mummerei“ seit dem Mittelalter. Der religiöse Hintergrund des Festes wird heute noch im Wort „Fastelovend“ deutlich, was so viel bedeutet wie „der Abend vor der Fastenzeit“, die an Aschermittwoch beginnt. Für diese Wochen voller Entbehrungen wappnen sich die Menschen im Karneval. Traditionell setzen sich die Jecken also über die Widrigkeiten des Lebens hinweg, schütteln Ängste, Hemmungen und Frustrationen ab. Sie schlüpfen in eine selbst gewählte Rolle, brechen aus dem zivilen Alltag und feiern ausgelassen – jenseits von Vernunft und Verstand. Eine ganz eigene schöpferische Energie wird frei. So trafen sich etwa im zerstörten Nachkriegs-Köln die Jecken in den Trümmern und feierten trotz Elend und Hunger einen Neubeginn.


"Der Fasteleer lässt sich nicht beliebig an- oder abschalten"


In der Kölner Geschichte gab es so manches Jahr, in dem Züge und Sitzungen offiziell abgesagt wurden. Zuletzt 1991 im Zuge des Golfkrieges. Karneval schien unpassend, während andernorts auf der Welt Menschen ihr Leben ließen. Doch statt des prunkvollen öffentlichen Rosenmontagszuges trafen sich auf den verschneiten Kölner Straßen spontan Demonstranten für den Frieden sowie Karnevalisten. Sie zeigten zusammen Solidarität und Mitgefühl, ließen sich die Gemeinschaft und Freiheit nicht nehmen. Mit „Mir klääve am Lääve“ lieferten die Bläck Fööss den Soundtrack dazu.

In den letzten Monaten haben wir „Fastenzeiten“ der anderen Art hinter uns gebracht, „Lockdown light“ oder „hard“ genannt. Die Corona-Pandemie hält die Welt in Atem. Und so wird in diesem Jahr kein Karneval, wie wir ihn kennen, möglich sein. Doch ausfallen wird er keineswegs. An Weiberfastnacht wird es in der Lanxess-Arena ein großes Benefizkonzert unter Einhaltung aller Corona-Auflagen geben. Ein Spendenmarathon für die Aktion „Nur zesamme sin mer Fastleovend – mer looßeüch nit allein“. Der vom Kölner Karneval gegründete Hilfsfonds unterstützt Künstler, Ehrenamtler und Institutionen. Und am Rosenmontag werden Hänneschen und Bärbelchen für die Jecken beim Puppenzug durch die Kulissen von Köln ziehen. Es zeigt sich einmal mehr: Karneval lässt sich nicht beliebig an- und abstellen. Im Fasteleer schlägt das Hätz der kölschen Siel – Kraftspender und Hoffnung zugleich in schwierigen Zeiten.


1949
In Trümmern

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Kölner Gürzenich in Schutt und Asche. Zwischen den Trümmern feierten Jecke das Leben

1991
Der Golfkrieg

Nach der öffentlichen Absage des organisierten Straßenkarnevals zogen Tausende spontan am Rosenmontag durch die Domstadt

2020
Anschlag in Hanau

Beim Rosenmontagszug 2020 wurde der Opfer des Anschlags von Hanau mit einem Motivwagen gedacht

2021
Zu Hause bleiben

Die Corona-Pandemie bestimmt das Weltgeschehen. Ansteckungen sollen vermieden werden