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Neuanfang dank Lehre: Wie ein Willkommenslotse einem Hotel half, eine Auszubildende zu finden

Wie ein Willkommenslotse einem Hotel half, eine Auszubildende zu finden

Die Willkommenslotsen vermitteln bei Bewerbungen Bild: W. Heiber Fotostudio - stock.adobe.com

Zahra Ravarizadeh streicht beim Verlassen des Hotelzimmers noch einmal über das Bettlaken. Der Raum ist längst gemacht. Falten gibt es hier nicht. Aber die Handbewegung ist bei der angehenden Hotelfachfrau einfach „drin“. „So ist das, wenn das Housekeeping von der Pike auf gelernt wurde. Die Routinen gehen in Fleisch und Blut über“, schmunzelt Julia Lesser. Die Ausbildungskoordinatorin im Hotel Azimut in Köln weiß, wovon sie spricht – auch ihre eigene Karriere hat einst mit Bettenmachen, Service und Rezeption angefangen. Jetzt übernimmt sie als Verwaltungsassistentin die Verantwortung für andere. Zahra Ravarizadeh ist der jüngste Neuzugang in ihrem Team. Seit September 2016 durchläuft die gebürtige Iranerin die unterschiedlichen Abteilungen. Sie hat so eine berufliche Perspektive in Deutschland gefunden.

Ein Traum wird wahr. „Es war mein fester Wunsch, eine Ausbildung zur Hotelfachfrau zu machen“, sagt Ravarizadeh, die vor fünf Jahren mit ihrem Mann und dem damals neunjährigen Sohn aus dem Iran geflohen ist. „Wir haben große Schwierigkeiten, Nachwuchs für die Hotellerie zu finden“, sagt Lesser. Das Ausbildungsverhältnis zwischen der geflüchteten Frau und dem Hotelbetrieb scheint für beide Seiten ein Segen zu sein. Dabei wäre es ohne fremde Hilfe vielleicht nie dazu gekommen.

Den Start erleichtern. Fabian Hüppe ist Willkommenslotse bei der IHK Köln. Er hat den Kontakt zwischen dem Hotel und Zahra Ravarizadeh hergestellt – und genau das ist die Aufgabe, die das Wirtschaftsministerium den mittlerweile etwa 170 Willkommenslotsen in Deutschland zugedacht hat: kleine und mittlere Betriebe (KMU) für die Beschäftigung von Geflüchteten zu öffnen, zu beraten und zusammenzubringen – und zwar so, dass es „passt“. „Als mir auf einer IHK-Veranstaltung ein Flyer über die Arbeit von Fabian Hüppe in die Hände gefallen ist, war mir sofort klar, dass uns das Angebot des Willkommenslotsen extrem weiterhelfen kann“, erzählt Lesser. „Wir hatten in dem Jahr praktisch keine Bewerbungen für unsere Ausbildungsplätze – Herr Hüppe hat Erfahrung, was bei der Rekrutierung geflüchteter Menschen zu beachten ist und kann unterstützen. Das sahen wir als eine Riesenchance.“

Das Gute sehen. Die Geschichte von Ravarizadeh und dem Kölner Hotelbetrieb ist auch die Erfolgsgeschichte von Hüppes Arbeit. „Als ich Frau Ravarizadeh kennengelernt habe, war ich der festen Überzeugung, dass sie als Auszubildende für jeden Betrieb eine Bereicherung ist“, sagt Hüppe. Ihre Vermittlung war trotzdem schwierig.

Durchs Raster gefallen. „Ich habe eine Absage nach der anderen erhalten“, erzählt Ravarizadeh. Das änderte sich auch durch die Betreuung von Hüppe zunächst nicht. Woran es lag? – Eine echte Rückmeldung haben Ravarizadeh und Hüppe von den angeschriebenen Personalverantwortlichen nie erhalten. „Man kann vermuten, dass Frau Ravarizadeh schlicht durchs 'klassische' Bewerbungsraster als Auszubildende gefallen ist“, meint Hüppe. Schulabschluss – vielleicht erste Praktika. Wenn es das ist, wonach die Personalchefs Ausschau hielten, passte die Bewerbung von Ravarizadeh tatsächlich nicht ins Bild: Die Iranerin ist 37 Jahre alt. Sie ist gelernte Dolmetscherin und hat in ihrer Heimat bei einem Tourismusunternehmen gearbeitet.

"Er hat mir so von ihr vorgeschwärmt, dass mir gar nichts anderes übrigblieb"

Von vorne angefangen. Ihr Mann engagierte sich in der politischen Opposition. Aus Angst vor Verfolgung verließ die Familie ihr Land. Die Flucht führte sie zunächst in ein Asylbewerberheim nach Hannover. Später zogen sie nach Köln. Fast alles schien sich ab diesem Zeitpunkt zum Guten zu wenden: Dem Sohn gelang der Wechsel aufs Gymnasium. Die Tochter bekam rasch einen Platz im Kindergarten. Ihr Mann fand Arbeit als Elektriker. Und sie selbst? – Sie schrieb Bewerbungen. „Ich glaube, dass es für viele nicht vorstellbar war, dass eine zweifache Mutter wirklich eine Ausbildung im Hotel machen möchte“, sagt Ravarizadeh. „Aber ich sehe in der Ausbildung einen wichtigen Schritt, um mich weiter zu entwickeln. Um mir breite Einsatzmöglichkeiten zu erarbeiten.“

Die Hilfe der Vitamine. Zahra Ravarizadeh machte die gleiche Erfahrung, die auch viele deutsche Frauen nach der Babypause sammeln: dass es schwierig ist, auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. Und dass es manchmal viel Glück und eine gehörige Portion „Vitamin B“ braucht, damit sich Türen einen Spalt breit öffnen. Für Fabian Hüppe gehört es quasi zur Job-Beschreibung „Vitamin B“ zu sein – und Türen zwischen Geflüchteten und Unternehmen weit aufzustoßen, und zwar so, dass die Menschen, die sich gegenüberstehen sich nicht mit Misstrauen, sondern mit einem Lächeln begegnen können. Als er Julia Lesser auf einer Veranstaltung kennenlernte, ergriff er sofort die Chance, für seinen Schützling zu werben. „Er hat mir so von ihr vorgeschwärmt, dass mir eigentlich gar nichts anderes übrig blieb, als sie einzuladen“, erzählt Lesser lachend. Laut Lesser hat Hüppes Unterstützung das Bewerbungsverfahren extrem vereinfacht. „Für mich ist wichtig, dass die Betriebe und Flüchtlinge genau wissen, worauf sie sich einlassen und was sie bei einer Zusammenarbeit erwartet“, erklärt Hüppe. „Julia Lesser hat Frau Ravarizadeh sehr ehrlich gesagt, welche Arbeitszeiten und welche Tätigkeiten in der Ausbildung auf sie zukommen – und das ist richtig so.“ Er weiß, dass dieses Beispiel ein sehr Positives ist. Selbstverständlich ist das nicht. „In der Regel sammeln wir als Willkommenslotsen sehr positive Erfahrung bei unserem Matching. Aber letztlich ist es wie bei der Vermittlung deutscher Arbeitnehmer auch: Am Ende muss im Arbeitsalltag die Chemie stimmen.“ (Quelle: kofa)

In Kürze

Bild: Andrey Popov - stock.adobe.com
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Starthilfe für jeden

Die Aufgabe von Willkommenslotsen ist es, Unternehmen in allen praktischen Fragen rund um Beschäftigung und Qualifizierung von Flüchtlingen sowie beim Aufbau einer Willkommenskultur in ihrem Betrieb zu beraten. Weiter sind sie Sprachrohr für die Geflüchteten und vermitteln sie an die Firmen. 160 Lotsen gibt es aktuell. Die Helfer unterstützen bei der betrieblichen Integration von Flüchtlingen – sei es durch ein Praktikum, eine Ausbildung oder eine reguläre Beschäftigung. Weiter wissen sie über die rechtlichen Rahmenbedingungen Bescheid und erläutern, wo weitere Informationen oder Unterstützung zu finden sind. Sie helfen mögliche Vorbehalte und Unsicherheiten abzubauen und können gute Beispiele aus der Praxis einbringen. Die Unternehmen profitieren nicht nur von einer kulturell vielfältigen Belegschaft, sondern auch durch ein positives Image in der Außendarstellung.

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