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Ein ganzer Raum im Museum Ludwig greift Warhols Installation Silver Clouds aus den 1960er-Jahren auf – silberne wolkenförmige, mit Helium gefüllte Ballons schweben vor einer Tapete mit rosa Kuhköpfen.

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Unerwartete Entdeckungen und eine verblüffende Vielfalt Editorial

26.04.2021

Mit Andy Warhol Now zeigt das Museum Ludwig die erste große Retrospektive dieses Ausnahmekünstlers in Köln seit mehr als 30 Jahren. Die gemeinsam mit der Tate Modern in London konzipierte Schau beleuchtet Warhols Person und Werk aus heutiger Sicht und betont dabei Themen wie Queerness – also eine von gesellschaftlichen Normen abweichende Lebenseinstellung – , Migration oder kulturelle Identität in seinem vielschichtigen Schaffen. Als äußerst hellsichtiger Mensch hatte er einen offenen Blick auf seine Umwelt und Mitmenschen, und viele seiner Arbeiten vermögen noch immer einen fruchtbaren Beitrag zu aktuellen Debatten zu leisten.
  

Yilmaz Dziewior, Direktor Museum Ludwig
Yilmaz Dziewior, Direktor Museum Ludwig

Traum von Erfolg

In einer Zeit des tiefgreifenden gesellschaftlichen, politischen und technologischen Wandels entwickelte Andy Warhol eine neue Vorstellung davon, was Kunst sein kann. Sein Werk und seine Person stehen einerseits für den amerikanischen Traum von Erfolg und Wohlstand, dabei hielt er sich aber bewusst verschiedene Interpretationsmöglichkeiten offen. Er selbst beschrieb sich als Spiegel, tarnte seine Standpunkte nicht selten hinter scheinbarer Banalität und Teilnahmslosigkeit und verschleierte so seine eigene Ausrichtung erfolgreich. Seine plakative Berühmtheit verstellt dabei häufi g den Blick auf den persönlichen Hintergrund und die Motive, aus denen ein junger und schüchterner schwuler Mann aus dem Einwanderermilieu Pittsburghs seine künstlerische Bildsprache entwickelte und sich sein vielfältiges gesellschaftliches Umfeld formte. Die Ausstellung im Museum Ludwig untersucht Warhols Themen, das breite Spektrum der von ihm genutzten Medien und seine gezielte Selbstinszenierung. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf Warhols Lebensweg und beleuchtet dessen Auswirkungen auf sein Weltbild und seine Kunst.

Jenseits der Tradition

Zwei Pole seiner Identität haben wir dabei besonders hervorgehoben: Zum einen Warhol als eine queere Person in seinem Umfeld zu seiner Zeit. Das Wort „queer“ beschreibt Menschen, deren geschlechtliche Identität und/oder sexuelle Orientierung nicht der traditionellen Vorstellung von weiblichen und männlichen Geschlechterrollen entsprechen. Es umschreibt zugleich ein Lebensgefühl, das Warhol als freier Künstler in seinem offenen Atelier, der Factory, aber auch in der populären Kultur, in Magazinen und im Fernsehen verkörpert hat. Zum anderen steht die Prägung durch seine Familie im Mittelpunkt, vor allem durch die Mutter Julia Warhola. Als Kind russinischer Einwanderer aus den Karpaten wurde er stark durch den ostkatholischen Glauben und die Kultur aus der alten Heimat beeinflusst und nahm zeitlebens eine Außenseiterrolle in der US-amerikanischen Gesellschaft ein.  

Frühe Experimente

So bietet die Retrospektive im Museum Ludwig den Besucher* innen neben den bekannten Schlüsselwerken Warhols viele unerwartete Entdeckungen. Eine Gruppe von Gemälden der späten 1940er-Jahre präsentiert den noch stilistisch experimentierenden ‚Warhol vor Warhol‘. Eines seiner ersten Selbstporträts, der Nosepicker (Nasebohrer) zeigt einen unsicheren jungen Mann, bei dem aber dennoch bereits eine selbstbewusste Widerständigkeit zum Ausdruck kommt, sich gesellschaftlichen Konventionen zu beugen. Wunderbare, großenteils erotische Zeichnungen der 1950er-Jahre gewähren dann einen persönlichen Einblick in Warhols queere Kunst zu einer Zeit, als Sex zwischen Männern noch illegal war. Die fulminante Bildserie der Ladies and Gentlemen wiederum porträtiert 1975 eindrucksvoll New Yorker Schwarze, Latinx Dragqueens und trans*Frauen. Parallel dokumentieren ein Film und Fotos zu Andy in Drag, wie Warhol sich als Frau schminken lässt und die fließende Inszenierung von Geschlecht sichtlich genießt.

Religiöser Hintergrund

Dazwischen spiegelt sich immer wieder Warhols Interesse für religiöse Motive, sei es die ikonenhafte Darstellung von Marilyn Monroe auf Goldgrund oder ein tiefrotes, formatfüllend vor schwarzem Grund schwebendes Kreuz. Wenige Monate nach dem auf ihn verübten Attentat inszeniert er sich in Richard Avedons berühmter Fotografie mit hochgezogenem Pullover und Zeigegestus auf seinen vernarbten Bauch, ganz im Sinne des auferstandenen Christus, der seine Wundmale darbietet. Eine monumentale Verarbeitung von Leonardo Da Vincis Letztem Abendmahl wiederum entstand 1986 als Teil eines umfangreichen Bildzyklus. Angesichts der sich damals ausbreitenden AIDS-Pandemie schwingen in diesen Abschiedsbildern einer Männergemeinschaft auch Angst und die schmerzhaften Verluste jener Jahre mit.

Starke Partner

Die aktuell schwierige Lage stellt auch uns vor besondere Herausforderungen. Daher möchten wir uns ausdrücklich bei den Partnern und Förderern bedanken, die auch in diesen schwierigen Zeiten an unserer Seite stehen.

Die Beatrix Lichtken Stiftung sowie die Strabag Real Estate GmbH haben uns ebenso unterstützt wir der Verein der Freunde des Wallraf-Richartz-Museum und des Museum Ludwig. Für die lebendige Partnerschaft danken wir der REWE Group. Bei der Realisierung der Ausstellung hat uns ebenfalls die Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig e.V. geholfen. Auch ihnen gilt unser großer Dank. Ebenso möchten wir uns bei der Peter und Irene Ludwig Stiftung für die kontinuierliche und verlässliche Unterstützung bedanken.

Besonderer Dank geht an das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW und an die Stadt Köln.
  

Andy Warhol Timeline

1928–1950

Am 6. August 1928 wird Andrew Warhola in Pittsburgh geboren. 1945 studiert er dort „Pictorial Design“. 1949 zieht Warhola nach New York.

1950er

Umbenennung zu Andy Warhol. Mutter Julia zieht zu dem Sohn nach New York. 1951 erste Ausstellung mit Illustrationen. 1957 ist Warhol einer der gefragtesten Werbegrafiker der USA.

1960er

Das Studio „Factory“ entsteht. 1966 multimediale Performances mit der Band „Velvet Underground“, erste erfolgreiche Filme. 1969 erscheint Warhols Magazin „Interview“.

1970er

1972 stirbt Warhols Mutter Julia, Mitte der 70er Porträts queerer Identitäten, von Homosexuellen und Transvestiten. 1977 häufi ger Gast im Szenetreff „studio 54“. 1978 abstrakte Arbeiten.

1980er

Erste TV-Produktionen Warhols als Talkshow. 1985 wieder Aufträge als Illustrator. Am 22. Februar 1987 stirbt Warhol in New York im Alter von 58 Jahren.