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Sieben Warhols Katholisch, seriell, silbern, glamourös, neugierig, experimentell, queer

26.04.2021

1. Mutters Handschrift

Die Herkunft seiner Familie hat Andy Warhols Leben und Werk auf vielfache Weise geprägt: Die Eltern Andrej und Julia Varhola, später Warhola, emigrierten aus einem Bergdorf in den Karpaten (heute Slowakei) in die USA und zogen in die Industriestadt Pittsburgh, Pennsylvania. Andrej arbeitete dort im Baugewerbe, Julia verdiente zusätzliches Geld als Reinigungshilfe. Andy, 1928 als dritter Sohn in Pittsburgh geboren, wuchs in einem sehr engen, katholisch geprägten Familienverbund auf. Die Mutter ermöglicht ihm jedoch frühe Kunstkurse, ein Grafikdesign-Studium, zieht 1950 mit nach New York und bringt ihre kunstvolle Handschrift in frühe Werke ein. Ihr Einfluss wirkt lebenslang auf Andy Warhols Leben und Arbeit; so bleibt Religiosität ein immer wiederkehrendes Thema.

Bild: Die Familie Warhola 1946-1947, Fotograf unbekannt, The Andy Warhol Museum, Pittsburgh; Founding Collection, Contribution The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts,Inc.

2. Medialer Ruhm

Seit 1969 gibt Warhol die Zeitschrift „Interview“ heraus, erst als Film- und Lyrikmagazin, dann aber als Forum für lange Interviews, die er teilweise selber führt und ungekürzt abdruckt. Daraus entwickeln sich Fernsehprojekte. In „Andy Warhol’s Fifteen Minutes“ auf dem Sender MTV unterhalten sich mehr oder weniger prominente Personen, getreu Warhols Prophezeiung: „In der Zukunft wird jeder für 15 Minuten berühmt sein.“

Bild: Installationsansicht Andy Warhol Now, Museum Ludwig, Köln 2020, © 2021 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc, Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marleen Scholten

3. Hintergründiges Porträt

Mehr als tausend Personen porträtiert Andy Warhol. Sie kommen aus Film, Glamour, Politik, Wirtschaft, Populärer Musik und Subkultur, viele davon sind Auftragsarbeiten. Marylin Monroe stellt er, basierend auf einem Poster zum Film „Niagara“ von 1953, in 37 Varianten nach ihrem tragischen Tod 1962 dar. Round Marylin vor goldenem Hintergrund nimmt die Verehrungsform der Ikonenmalerei aus byzantinisch-christlichen Kirchen auf, die Warhol aus seiner Familie gut bekannt sind.

Bild: Round Marilyn, 1962, Udo und Anette Brandhorst Sammlung, © 2021 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York

4. Viele Suppendosen

Ein zentrales Werk der Pop Art sind Warhols vervielfältigte Suppendosen. Einhundertmal malt er die gleiche Campbell's Soup, ein Allerwelts-Konsumartikel in den USA. In seiner ersten Ausstellung 1962 in Los Angeles waren 32 unterschiedlichen Suppenarten auf je einer Leinwand zu sehen. Die Vervielfältigungen sind eine demonstrative Gegenposition zur Einmaligkeit von Kunstwerken und zugleich eine Stellungnahme zur aufkommenden Konsumkultur. In Warhols Familie in Pittsburgh war eine Suppe aus verlängertem Ketchup eine Standardmahlzeit.

Bild: 100 Campbell’s Soup Cans, 1962, Museum MMK für Moderne Kunst, Frankfurt, © 2021 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc., Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York, Foto: Museum MMK für Moderne Kunst/Axel Schneider, Frankfurt am Main

5. Erfolg mit Grafik

Das Gold Book ist eines von vielen Künstlerbüchern, die Warhol im Selbstverlag herausgibt. Die Handschrift stammt, wie bei einem Großteil der Begleittexte zu Warhols Illustrationen, von seiner Mutter Julia Varhola, die ihm bei seinen Aufträgen als Werbegrafiker assistiert. Seit den 1950er-Jahren gestaltet Warhol immer wieder Plattencover als Auftragsarbeiten, darunter einige sehr bekannte wie das Cover mit Banane für das Album The Velvet Underground & Nico oder die Jeans mit Reißverschluss für das Album Sticky Fingers von den Rolling Stones 1971.

Bild: A Gold Book (with lettering by Julia Warhola), 1957, The Williams College Museum of Art, © 2021 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York

6. Kreative Fabrik

Die erste Factory gründet Warhol 1963. Werkstatträume mit silber- und alufarbenen Wänden sind experimentelles Kunststudio und sozialer Freiraum gleichermaßen. Hier entstehen Bilder und Skulpturen und eine Vielzahl von spontan inszenierten Filmen. Prominente Besucher sind häufi g zu Gast (auf dem Foto Bob Dylan vor dem Werk Two Elvis, 1963).

Bild: Nat Finkelstein, Dylan Warhol Elvis, ca.1965, aus der Serie Warhol Factory, 1964/1967, Museum Ludwig, Köln, © The Nat Finkelstein Estate, Abgebildete Arbeit von Andy Warhol © 2021 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York, Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv, Köln/Rolf Zimmermann

7. Lebensgefühl: queer

Mit dem ursprünglich US-amerikanischen Wort „queer” (ausgesprochen wie kwier) bezeichnen sich Personen, die ihre geschlechtliche Identität jenseits der traditionellen Geschlechterrollen empfinden – ein Lebensgefühl, das Warhol verkörpert und das in seiner Factory Raum findet. In seiner 1975 produzierten Serie Ladies and Gentlemen inszeniert er Modelle aus New Yorker Drag Bars in expressiver Farbigkeit. Mit dieser wegweisenden Darstellung öffnet er dieser Subkultur einen Weg in die Mainstream-Popkultur.

Bild: Ladies and Gentlemen (Helen/Harry Morales), 1975, Privatsammlung, Italien, © 2021 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York, Foto: Patrick Goetelen/© Tate, London