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Rinder genießen einen Tag auf der Weide Bild: Klaus Pehle

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Gesundes Tier – guter Geschmack Michael Keller aus Rösrath, Vorstand des Fleischsommelier Deutschland e.V., setzt sich für einen ethischen Umgang mit Lebewesen ein

18.03.2021

Fleischsteuer, Tierwohlabgabe: Verschiedene Modelle, Tiere artgerechter zu halten, sind im Moment in der Diskussion. Warum kann der Markt das nicht alleine regeln? Ein Landwirt produziert unter artgerechter Haltung, schlägt die Mehrkosten drauf und der Verbraucher muss es zahlen.

MICHAEL KELLER: Das wäre wünschenswert, funktioniert aber aus verschiedenen Gründen nicht. Vier Marktteilnehmer bestimmen in Deutschland den Markt. Das sind die großen Handelskonzerne und die haben eine extreme Einkaufsmacht. Dazu kommt, dass es häufig verwaltungstechnisch ganz schwierig ist, einen Stall mit Außengehege und Wintergärten umzubauen. Es ist problematisch, dafür eine Baugenehmigung zu bekommen.

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Wie sieht denn ein tierwohlgerechter Stall genau aus?

KELLER: Es gibt ein gutes Beispiel und das ist der Aktivstall für Schweine von Gabriele Mörixmann. Die hält ihre Tiere aus der Sicht der Schweine – mit doppelt so viel Platz wie gesetzlich vorgeschrieben, mit Stroheinstreuung sowie mit Außenterrassen. Da können Schweine in jede Himmelsrichtung raus und rein, ganz wie sie wollen. Das eine Schwein mag halt eher viel Sonne und das andere mag es hingegen schattig. Dort werden die Tiere übrigens außerdem sehr viel älter. Das ist für mich eine artgerechte Aufzucht.

Wie viel kostet dann das Schwein?

KELLER: Normalerweise kostet das Schwein für den Weiterverarbeiter 1,30 Euro pro Kilo, ihre Schweine kosten konstant zwei Euro.

Und für den Endverbraucher?

KELLER: Beim echten Tierwohl reden wir schon von einer Verdoppelung des Fleischpreises, aber wir sind ja auch viel zu billig. 1977 habe ich meine Lehre angefangen, und da hat das Kilo Aufschnitt 16,99 DM gekostet, heute sind es 6,90 Euro. Diese Entwicklung ist nicht normal. Die Industrie hat es geschafft, nicht die Produktion den Tieren anzupassen, sondern die Tiere den Produktionsmöglichkeiten. Das ist halt eine sehr hohe Kosteneffizienz und das Ganze ist sehr durchgetaktet: In Deutschland werden pro Werktag 2,3 Millionen Hähnchen geschlachtet. Wir produzieren zu 98 Prozent auf dem untersten Standard in Bezug auf das Tierwohl.

Das Tierwohl kann man auch schmecken?

KELLER: Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Vor 25 Jahren lag das Schlachtalter bei Hähnchen bei 42 Tagen, heute sind es 28 Tage. Damit verbunden ist eine totale Geschmacklosigkeit. Geschmack entwickelt sich mit dem Alter des Tieres. Wenn du ein Schwein nach dreieinhalb oder vier Monaten schlachtest, dann schmeckt das nicht. Ein länger gehaltenes Tier schmeckt ausgereifter, hat einen festeren Biss, brät in der Pfanne nicht so aus, ist trockener und hat einen intensiveren Geschmack. Ein bisschen Salz drauf und das schmeckt.


Michael Keller aus Rösrath, Vorstand des Fleischsommelier Deutschland e.V., setzt sich für einen ethischen Umgang mit Lebewesen ein Image 2

MICHAEL KELLER ist Metzgermeister, Jäger, Fachberater, Referent und im Vorstand des Fleischsommelier Deutschland e. V. Mehr Infos:

www.fleischsommelier-deutschland.de  


Gesünder ist es auch?
  

Geflügel, das länger lebt, ist deutlich schmackhafter Bild: Klaus Pehle
Geflügel, das länger lebt, ist deutlich schmackhafter Bild: Klaus Pehle

KELLER: Ja, man sieht das an den Fetten. Mehrfach ungesättigte Fette wie beim Fisch lagern sich im menschlichen Körper nicht direkt ab. Wenn ich Tiere im Freilauf habe, die sich draußen auch bedienen, zum Beispiel Gras fressen, dann produzieren die solche Fette. Wenn die in der Intensivmast mit sehr proteinhaltigem Futter – Stichwort Soja – gefüttert werden, dann bauen die die gesättigten Fette auf. Das sind dann die sogenannten ungesunden Fette.

Also Ihr Tipp an den Verbraucher?

KELLER: Die Landwirtschaft macht nur das, was der Verbraucher nachfragt beziehungsweise was der Handelspartner verlangt. Der Landwirt hat wie bei der Milch keinen Einfluss auf den Preis, der wird an Börsen festgelegt. Und das auch für die Nachbarländer. Wenn der Landwirt es zu dem Preis nicht macht, geht der Handelspartner nach Holland oder nach Belgien. Also: Esst weniger Fleisch, aber versteht die Zusammenhänge! Wie hat ein Tier gelebt und wie ist es geschlachtet worden? Ich kann nur appellieren: Stellt das infrage, was ihr kauft! Wenn Hackfleisch angeboten wird für 3,90 Euro, dann muss ich das als Verbraucher infrage stellen.