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Industrie trifft auf Natur – hinter den Gleisen öffnet sich eine Kiesgrube und ein Paradies für Vögel Bild: Bruletti

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Zwischen Klohäuschen und Bullenwiese in Leverkusen Spaziergang mit Autor Markus Danner von „111 Orte in Leverkusen, die man gesehen haben muss“

19.08.2021

Markus Danner hat auf seiner Reise durch Leverkusen 111 Orte ausgemacht, die man gesehen haben muss. Die Zahl überrascht. So richtig glauben mag man es nicht. Leverkusen ist schließlich nicht Rom. Aber es gibt sie wirklich. In seinem gleichnamigen Werk listet der Autor sie jedenfalls minutiös auf. Der Fotograf Johannes Seibt hat sie festgehalten. Und über Geschmack, Sinn und Unsinn, lässt sich bekanntlich streiten. Eine seiner exklusiven Touren wird im Folgenden vorgestellt.

Hilfestellung für Ahnungslose

Der ideale Treffpunkt für den grenzüberschreitenden Spaziergang von Köln-Dünnwald nach Leverkusen ist der lauschige Biergarten der Waldschenke, findet Danner. Sechs Stationen hat diese Tour. In jedem Kapitel der kurzweiligen Lektüre, mit einer guten Prise feinen Humors versehen, findet der Besucher zudem noch einen kurzen Tipp in der Nähe. Für Ahnungslose eine willkommene Hilfestellung. Die Waldschenke in der Sackgasse Am Kunstfeld ist solch ein Wink. Ein Ort, an dem man nicht mal eben vorbeikommt.

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Berliner Blau

Das Ensemble von 1823 rund um die Schenke ist die älteste Fabriksiedlung im Rheinland. Ein entzückendes Kleinod ist die am Gartenrand gelegene Reihe der denkmalgeschützten Klohäuschen. Anfang des 19. Jahrhunderts machte sich in der Nähe die chemische Industrie breit. Auf dem Produktionsplan standen Soda, Salmiak, Kali und die Farbe Berliner Blau. Zudem gab es noch eine Drahtweberei zur Herstellung von weiteren Kunstprodukten in Form von Gardinen. Die Randlage eignete sich ab den späten 1860er-Jahren für die Dynamitproduktion, doch schon 1870 flog die Firma in die Luft. 15 Todesopfer waren zu beklagen. Eine Feilenhauerei sowie Düngerproduktion aus Horn- und Knochenmehl waren fortan die Haupterwerbsquellen. So kam es zu dem Beinamen Hornpott-Siedlung.
  

Die Klohäuschen sind denkmalgeschützt Bild: Bruletti
Die Klohäuschen sind denkmalgeschützt Bild: Bruletti

Côte d’Azur ade

Zunächst geht es am Ende der Sackgasse rechts am Waldrand zu einem verschieferten Häuschen an einem Fußgänger-Bahnübergang. Über die Gleise dem Haidweg folgend, gelangt der Spaziergänger zum Von-Diergardt-See. Noch eine Weile wandelt man auf Kölner Stadtgebiet, doch die Stadtgrenze rückt näher. Der Sandstrand unter dem Steilufer kann als Leverkusener Riviera bezeichnet werden. Badefreuden, Bier, Bundesligakonferenz, Bayer-Schornstein in Sichtweite – Côte d’Azur, au revoir. Manchmal ist das Glück ganz nah. Zurück über die Gleise geht es zur nächsten ehemaligen Kiesgrube, die auch als Vogelparadies im Naturschutzgebiet Hornpottweg bekannt ist. Wer gern früh unterwegs ist, dem sei eine vogelkundliche Führung der Leverkusener Ortsgruppe des Naturschutzbundes (NABU) empfohlen. Doch auch später am Tag lohnt es sich, auf einer Ruhebank in den umwucherten Nischen zu verweilen, um in die Naturarena Ausschau zu halten.

Grenzgeschichten erleben

Kurz darauf ist an der Berliner Straße Leverkusener Stadtgebiet und die Stadtgrenzschänke erreicht. Der Duden bevorzugt die Schreibweise Schenke. Schänke geht notfalls auch durch. Den Gästen der handtuchgroßen Kneipe mit Freisitz ist das egal. Trifft man einen Stehbierhallen-Veteran an, weiß der sicher von den Zeiten vor der Gebietsreform 1975 zu berichten. Die Stadtgrenze durchschnitt den Gastraum. Die Jungs pinkelten angeblich in Köln, die Mädchen in Leverkusen. Die heutigen Pächter sichern mit Fleiß und Freundlichkeit das Überleben der selten gewordenen Kleinstgastronomie.

Explosive Historie

Seit 1964 musste die Gemeinde ohne den markanten Turm der Friedenskirche leben, der ihr erst 50 Jahre später zuteilwurde. Den thematischen Kreis des Ausflugs schließt der Sprengstoff. An der Einmündung zur Saarstraße liegen ehemalige Wohnhäuser und Verwaltungsgebäude Sprengstoff Carbonit AG. Diese Fabrik auf dem Gelände der Waldsiedlung flog 1926 in die Luft. Ist die Bullenwiese mit den Gallowayrindern am Willy-Brandt-Ring passiert, gelangt man an der Kalkstraße 218 zum Verwaltungsgebäude der Dynamit Nobel A.G. Werk Schlebusch aus dem Jahr 1871. Dort war ab 1873 Alfred Nobel höchstpersönlich technischer Leiter. „111 Orte in Leverkusen, die man gesehen haben muss“ ist erschienen im Emons Verlag.