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Windkraft soll den Kohlestrom, der im Braunkohlekraftwerk Niederaußem von RWE Power produziert wird, ersetze. Bild: Kathrin Höhne

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Standortvorteile noch nicht optimal genutzt Fachkonferenz futuRE zu Strukturwandel im Rhein-Erft-Kreis

24.03.2022

Die Botschaft ist klar: Der Kohleausstieg wird kein Sprint, sondern ein Marathonlauf. Das zeigte die erste Strukturwandel-Konferenz, auf der Anfang März der Startschuss für den Transformationsprozess im Rheinischen Revier gegeben wurde. Unter dem Schlagwort „futuRE“ (Future für Zukunft und RE für Rhein-Erft) kamen im Medio in Bergheim Vertreter aus Kreis-, Landesund Bundespolitik zusammen. Die Bürgermeister der zehn Kommunen im Rhein-Erft-Kreis, Mitglieder der Arbeits- und Zukunftsagentur Rheinisches Revier (ZRR) sowie Vertreter von kreisansässigen Wirtschaftsunternehmen stimmten die rund 500 000 Bürger im Rhein-Erft-Kreis auf große Veränderungen ein, die voraussichtlich Jahrzehnte dauern werden.

Dafür schuf die Kreisverwaltung bereits vor einem Jahr ein neues Dezernat für Regionale Entwicklung, das den Strukturwandel und den Ausstieg aus der Kohleverstromung in der Region intensiv begleiten soll. Dort entwickeln die Mitarbeiter im Amt für Strukturwandel, Fördermittelmanagement und Breitbandentwicklung Projektideen und bilden die Schnittstelle zwischen Kommunen, der Zukunftsagentur Rheinisches Revier (ZRR) und der Landesregierung.

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Leiter des Dezernats ist Torsten Heerz. Der 36-jährige Erftstädter ist bereits seit zehn Jahren in der Kreisverwaltung tätig, unter anderem als Amtsleiter und Leiter des Landratsbüros.

Herr Heerz, hat die Dynamik des Transformationsprozesses jetzt richtig Fahrt aufgenommen?

Mit dem vorgezogenen Ausstieg aus der Braunkohleverstromung wird ein erfolgreich zu bewältigender Transformationsprozess für die Region in naher Zukunft noch dringlicher. Der Rhein-Erft-Kreis, der übrigens am stärksten von dem anstehenden Strukturwandel betroffen sein wird, muss möglichst frühzeitig die Weichen dafür stellen. Der festgelegte Fahrplan für das Rheinische Revier und die bereitgestellten Fördermittel stellen hierbei wichtige Rahmenbedingungen, um den Strukturwandel anzugehen. Für die Umsetzung konnten die betroffenen Kommunen und die Kreisverwaltung teils gefördertes Personal gewinnen, sodass schon bald konkrete Projekte für die Bürgerinnen und Bürger sichtbar werden. Die Entscheidungsträger sind sich der hohen Verantwortung, die mit dieser Jahrhundertaufgabe einhergeht, bewusst. Daher hoffen der Landrat und ich, dass die PS auch bald sichtbar auf die Straße gebracht werden können, denn die Genehmigungsprozesse sind meist noch zu schleppend.

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Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Chancen und wo die Risiken für den Rhein- Erft-Kreis?

Eine große Chance liegt besonders in der künftigen Ausrichtung unserer ansässigen Industrie. Dazu zählt beispielsweise die Diversifizierung der Standorte zur Energiegewinnung, Herstellung chemischer Erzeugnisse oder beispielsweise des Transportwesens. Durch die rechtzeitige Umstrukturierung in zukunftsweisende und innovative Technologien entstehen Möglichkeiten, unsere Branchen zu robusten Wirtschaftsstandorten für die kommenden Generationen auszubauen. Darin sehen wir ebenfalls das Potenzial, neue Fachkräfte anzuwerben und die wirtschaftliche Attraktivität des Kreises zu erhöhen. Wir müssen bereits jetzt mit allen Akteuren auf einen verstärkten Dialog setzen, um die Weichen für ein erfolgreiches Morgen zu stellen und die Potenziale unserer guten Standortlage nicht zu gefährden und besser abzuschöpfen.

Für den Strukturwandel im Rheinischen Revier will der Bund rund 14,8 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Um die Förderung bewerben sich aus dem Rhein-Erft-Kreis zurzeit etwa 50 Projekte. Dazu zählen das AI Village, ein Zentrum für Robotik und künstliche Intelligenz in Hürth sowie das Kraftraumshuttle aus Bergheim, mit dem die Menschen im Kreis künftig flexibel die letzte Meile von der Bahnhaltestelle nach Hause oder zur Arbeit fahren können. Reicht eine solche Fördersumme, reichen solche Projekte für die Zukunft aus?

Mit den Fördermitteln steht dem Rheinischen Revier ein Budget zur Verfügung, um wichtige Innovationen hier in der Region umzusetzen. Der Rhein-Erft-Kreis möchte dieses bereitgestellte Budget bestmöglich nutzen, um zukunftsweisende Projekte finanziell zu unterstützen, damit hier eine Musterregion für erfolgreich absolvierten Strukturwandel entstehen kann. Ich bin der Meinung, dass die Fördersumme wichtige finanzielle Anreize für die kommenden Transformationsprozesse bereitstellen kann. Am Ende muss das Ergebnis sein, dass Fördergelder auch weiteres Investment von Unternehmen nach sich ziehen, welche auch langfristig gut bezahlte Arbeitsplätze bringen. Dies könnte zum Beispiel in der Chemieindustrie oder in Digitalparks sein.

Ministerpräsident Hendrik Wüst spricht immer wieder davon, dass ein früherer Kohleausstieg als 2038 denkbar ist. Was bedeutet das konkret für den Rhein- Erft- Kreis? Welche Rolle nimmt hier der Ukraine-Krieg ein?

Ein früherer Kohleausstieg ist mit zusätzlichen Kraftanstrengungen für die Region verbunden. Der Rhein- Erft-Kreis ist jedoch darauf vorbereitet. Es sind zahlreiche gute Projektideen in Planung, die nun rasch umgesetzt werden müssen, damit neue Arbeitsplätze und zukunftsweisende Wertschöpfungsketten entstehen. Dafür ist es essenziell, dass das angekündigte Geld nun zügig fließt. Darüber hinaus müssen wir die Energieversorgung sicherstellen. Durch den Ukraine-Krieg sind neue Unsicherheiten bei den Bürgerinnen und Bürgern entstanden. Die Energieversorgung muss umgestellt werden, Wasserstoff, Photovoltaik und weitere erneuerbare Energien vollumfänglich genutzt werden. Nur so können wir uns auch langfristig von fossilen Energieträgern verabschieden.

Als zentrale Institution für den Strukturwandel wird immer wieder die Zukunftsagentur Rheinisches Revier beschrieben. Wie sehen Sie ihre Arbeit?

Die Zukunftsagentur Rheinisches Revier ist ein wichtiger Ansprechpartner für die Region, da sie den notwendigen „Blick von oben“ auf das Rheinische Revier hat und Kommunen und Kreise bei der Durchführung und Initiierung von Projekten unterstützen kann. Neu geschaffene Formate wie die Revierakademie, die Strukturwandelmanagerinnen und -manager aus Kreisen und Kommunen miteinander vernetzt, bewerten wir sehr positiv. Hierdurch entstehen Synergien, die die Region als Ganzes weiter voranbringen als wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht. Dabei ist es wichtig, dass der regionale Blick nicht verloren geht, denn am Ende wird der Wandel vor Ort und nicht in Berlin umgesetzt. Kreise und Kommunen fordern Fördergelder auch nach 2038.

Um zum Beispiel Tagebau-Randzonen nach der Seebefüllung wieder als Stadtflächen nutzen zu können. Wie steht der Rhein- Erft-Kreis dazu?

Der Strukturwandelprozess wird nach 2038 noch lange nicht beendet sein, sodass Fördermittel danach nicht nur zur Realisierung der baulichen Umsetzung der Tagebaurandzonen benötigt werden, sondern auch zum Beispiel für die Wiederherstellung alter Verkehrsverbindungen oder für Infrastrukturmaßnahmen an den Uferzonen. Die Umsetzung der Tagebaurandzonen und die Siedlungsentwicklung der Anrainerkommunen wird maßgeblich davon abhängen, wie schnell die Seebefüllung vonstatten gehen wird.

Wie sind die Bürger an all diesen Transformationsprozessen beteiligt?

Dem Landrat des Rhein-Erft-Kreises, aber auch mir persönlich ist es sehr wichtig, Bürgerinnen und Bürger in der Jahrhundertaufgabe des Transformationsprozesses mitzunehmen, um einen breiten Konsens über die zukünftige Entwicklung des Kreises zu erreichen. Die Auftaktveranstaltung futuRE im Medio stellte hierbei den Anfang für einen breiten Beteiligungsprozess im Rhein-Erft-Kreis dar, zu sehen gibt es diese auch weiterhin unter www. rek-future.de. Es werden zusätzlich Anknüpfungspunkte zu einem Format für Schülerinnen und Schüler geschaffen, damit sich diese frühzeitig mit den Herausforderungen des Strukturwandels auseinandersetzen und die sich neu bildenden Berufsfelder kennenlernen. Denn die Partizipation der Jugend am Prozess des Wandels sehe ich als den entscheidenden Schlüssel zum Erfolg an. Wir sprechen schließlich über die zukünftigen Fachkräfte für unsere Region. Extra dafür werden wir weitere Formate und Projekte speziell für Schülerinnen und Schüler auflegen.